»Du wurdest mit Flügeln geboren …«
Objekte und Bilder
Stadtkirche Unser Lieben Frauen
Unser Lieben Frauen Kirchhof 27–29, Bremen
16. August – 25. September 2026
Vernissage
16. August 10.30 Uhr


Käfige, Federn und Freiheit – von der Kunst in schweren Zeiten
Ein Gespräch mit Ulli Schwecke
Lieber Ulrich, wir kennen uns schon seit vielen Jahren, sind Freunde und Weggefährten. Heute spreche ich mit Dir über Deine Kunstausstellung, die demnächst in der bekannten Bremer Stadtkirche „Unser Lieben Frauen“ zu sehen ist. Überschrieben hast Du die Ausstellung mit dem Satz: „Du wurdest mit Flügeln geboren.“ Was hat Dich zu dieser Arbeit motiviert? Waren es persönliche Erfahrungen oder ist es auch Dein besorgter Blick auf die Weltlage?
ULRICH SCHWECKE: Beides. Ich arbeite fast immer mit Federn, und der Impuls dafür ist, dass mein Vater sein Leben lang Vögel gezüchtet hat. Er hatte ein ganzes Haus voller Kanarienvögel und Zebrafinken. In der Arbeiterklasse war es lange Zeit sehr verbreitet, Vögel zu halten und zu züchten. Die Bergleute hatten oft Tauben, und wenn sie ihre Brieftauben auf Reisen schickten, flogen sie gewissermaßen selbst mit. Mein Vater hat für seine Vögel viele Preise erhalten. Als er starb, stand ich vor der Frage: Was mache ich mit diesem Erbe — und mit den vielen leeren Käfigen? Vögel, Flügel und Federn sind für mich Symbole für Freiheit und Befreiung. Umso paradoxer scheint es mir, Vögel in Käfigen einzusperren.
Für die Halter waren Vögel im Käfig positiv besetzt. Die Tiere waren etwas Schönes, das sie nicht verlieren wollten.
ULRICH SCHWECKE: Genau. Das ist das Verrückte: Wir sperren oft das ein, was uns am wichtigsten ist, um es nicht zu verlieren. Das kennt man auch aus der Liebe. In der Oper Carmen heißt eine Arie sinngemäß: Die Liebe ist ein wilder Vogel … aber kaum glaubst du, sie zu haben, ist sie schon wieder weg. Für diejenigen, die gefangen sind, ist die Gefangenschaft schlimm. Aber richtig ist auch: Wer einsperrt, sperrt sich letztlich selbst ein.
Und dann waren die Vögel weg, Dein Vater gestorben, die leeren Käfige blieben. Du wolltest damit etwas anfangen?
ULRICH SCHWECKE: Ich habe damals viel über meinen Vater und unsere Familie nachgedacht. Als meine Eltern sich kennenlernten, war der Zweite Weltkrieg erst ein paar Jahre vorbei. Mein Vater war als Soldat in Russland und Italien eingesetzt, meine Mutter war vor der Roten Armee geflohen. Nach all dem Chaos war den beiden eine heile, geordnete Welt wichtig. Es wurden »Gitterstäbe,« installiert, die den Rahmen definierten, in dem wir uns zu bewegen hatten — und irgendwann wurde dieser Rahmen zu eng.
Du hast die leeren Käfige gesehen und gedacht: Da war ich auch mal drin?
ULRICH SCHWECKE: Ja, so ungefähr. Ich habe dann eine erste Ausstellung zu dem Thema gemacht, sie trug den Titel: »One Day I will fly« — eines Tages werde ich fliegen.
Der Titel Deiner aktuellen Ausstellung lautet: »Du wurdest mit Flügeln geboren…« Dich beschäftigt die Frage: Menschen werden mit Flügeln geboren und landen trotz-dem im Käfig. Was ist da passiert?
ULRICH SCHWECKE: Als Kinder wurden wir geschlagen, wenn wir nicht gehorchten. Das war ein eindeutiger Käfig. Dann aber gibt es Käfige, die vordergründig nicht so gewaltsam daherkommen. Es sind unsere selbst gebauten Käfige – und gerade, weil sie selbst gebaut sind, sind sie oft prägender als die von außen aufgezwungenen. Zum Beispiel dachte ich oft: Ich bin zu klein, ich schaffe das nicht – wenn ich diesen Glaubenssatz verinnerliche, dann kann ich es tatsächlich nicht schaffen. Der Käfig ist hier ein innerer. Ich hätte auch denken können: »Heute bin ich noch zu klein, ich schaffe es noch nicht.« Das ist etwas völlig anderes. Das lässt hoffen. Glaubenssätze können Käfige sein. Religiöse und politische. Meine Mutter sagt mir mit drohender Stimme: »Der liebe Gott sieht alles.« Was für eine schreckliche Vorstellung. Als Kind spielte ich einmal mit Freunden, bis jemand rief: »Die Russen kommen!« Der Schreck fuhr mir in die Glieder, obwohl ich weder wusste, was Russen sind, noch warum ihr Kommen etwas Schlimmes sein sollte. Trotzdem hatte ich in dem Moment panische Angst. Das war als Glaubenssatz tief in der Gesellschaft verankert.
Das kenne ich auch. Dieses Erleben konnten sehr viele abrufen.
ULRICH SCHWECKE: Und leider hat sich diesbezüglich nicht viel verändert. »Der Russe« wird heute pauschal als Bedrohung behandelt – es wird nicht differenziert. Im Käfig zu bleiben hat auch Vorteile: Man muss nicht nachdenken, sich nicht zeigen, sich nicht bewegen.
Wichtige Symbole in deiner Arbeit sind Federn. Wofür stehen sie?
ULRICH SCHWECKE: Federn stehen bei mir für Auf-bruch, für Fliegen, für Freiheit. Der Satz »Du wurdest mit Flügeln geboren …« stammt von Rumi, einem persischen Mystiker aus dem 13. Jahrhundert. Er weist darauf hin, dass wir alles in uns haben, um frei zu werden. Es gibt keinen zwingenden Grund, sich bestimmten Glaubenssätzen, Gewohnheiten oder Verhältnissen zu unterwerfen. Wir müssen nicht leiden. Käfige sind oft auch vergoldet. Die Warenwelt der kapitalistischen Gesellschaft – sie hat uns fest im Griff. Waren sind ja erst mal nichts Schlechtes – Haushaltsgeräte erleichtern die Hausarbeit, in zwei Stunden mit einem Auto oder Flugzeug in der Sonne sein zu können ist auch großartig, mit einem Smartphone gleichzeitig telefonieren, fotografieren und die Zeitung lesen zu können ist spektakulär. Aber wie so häufig im Leben, entsteht dabei nicht nur Schönes, sondern auch eine Gefangenschaft, wenn wir nicht mehr anders können und wollen. Das ist dann das Gegenteil von Freiheit. Wir scheitern.
Und die Federn verändern sich?
ULRICH SCHWECKE: Genau. Im Grunde ist es wie bei den Engeln. Engel sind nach christlichem Verständnis Wesen, die die Verbindung zwischen Gott und den Menschen herstellen – im Buddhismus gibt es ein ganz ähnliches Konzept, die Bodhisattvas, das sind Wesen, die aus tiefem Mitgefühl nach höchster Erleuchtung streben. Und jene, die Gott gleich sein wollten, stürzten darüber und wurden zu gefallenen Engeln. Zum Beispiel Luzifer, der Lichtbringer, der gegen Gott rebellierte, um sich ihm gleichzumachen und daraufhin aus dem Himmel verbannt wurde. Luzifer wurde zum Gegenspieler Gottes, Urheber des Bösen und mit dem Teufel gleichgesetzt. Das Gute verkehrte sich in sein Gegenteil. Warum verkehrt sich so vieles, was gut beginnt, am Ende ins Gegenteil? Diese Frage beschäftigt mich sehr. Politisch und privat. Ich habe mich früher weit links engagiert — wir unterstützten den Kampf gegen die Amerikaner in Indochina, die Revolution in Zimbabwe, in Nicaragua. Was ist daraus geworden? Überwiegend schlimme Diktaturen.
Die Federn sind ausgefallen, verbrannt, zerstört. Der Begriff »geschändeter Engel« drängt sich auf – Zerstörung, manchmal ohne Hoffnung.
ULRICH SCHWECKE: Ja, das ist so. Es gibt Objekte in der Ausstellung, die auf kriegerische Erfahrungen Bezug nehmen, wo von Freiheit und Unbeflecktheit wenig übrigbleibt. Die Federn sind verbrannt, verdreckt, schwarz, nur noch als Fragmente vorhanden. Aber bei den meisten Themen habe ich versucht, Hoffnung zu finden. Ich bin davon überzeugt, dass man sich jederzeit entscheiden kann, wieder auf einen guten Weg zu kommen – und dafür stehen diese weißen Federn. Jane Goodall, die Primatenforscherin, hat gesagt, dass es nicht möglich ist, keinen Einfluss auf die Umgebung zu haben. Wir können jeden Tag entscheiden, welchen Einfluss wir auf diese Welt ausüben möchten.
Ich habe auch viel mit Verbandsmaterialien gearbeitet: Pflastern, Mullbinden. Das heißt für mich: Es hat Verletzungen gegeben, und die Wunden wurden versorgt. Wenn sie heilen, haben wir eine Chance, einen Schritt weiterzukommen, innerlich zu wachsen.
Man könnte fast sagen: Freiheit im Sinne von Fliegen setzt voraus, dass man auch verwundet wurde. Es gibt keine reinen Engel?
ULRICH SCHWECKE: Nein, es gibt keine reinen Engel. Im Christentum gibt es die Erbsünde, im Buddhismus kommen wir mit einem bestimmten Karma auf die Welt. Wir wissen auch, dass Kinder bereits im Mutterleib miterleben, wie es ihren Müttern geht. Wir kommen mit Prägungen auf die Welt. Das heißt aber nicht, dass unser weiteres Leben determiniert ist. Wir können uns weiterentwickeln, zu jedem Zeitpunkt neu überlegen, was wir tun und in welche Richtung wir gehen wollen. Ja, wir können uns entscheiden.
Die Verletzung wäre demnach eine Bedingung für Freiheit – für wirkliches Fliegen.
ULRICH SCHWECKE: Das glaube ich auch. Nelson Mandela ist ein Beispiel dafür. Er war jahrzehntelang eingesperrt und ist daran gewachsen. Er ging nicht in den Hass. Und als er freigelassen wurde, versuchte er, die süd-afrikanische Gesellschaft zu versöhnen.
Wann ist eine Arbeit für dich fertig?
ULRICH SCHWECKE: Wenn bei mir so etwas wie innere Stille eintritt – ein Gefühl, das mir sagt: So ist es stimmig, so passt es. Zumindest vorerst. Oft (fast immer) nehme ich den Faden irgendwann wieder auf, teilweise habe ich Objekte komplett neu gemacht.
Eines deiner Objekte nimmt Bezug auf Autokraten. Du hast dazu eine sehr spannende Idee entwickelt.
ULRICH SCHWECKE: Ich bin über Fotos gestolpert, auf denen wichtige Männer zu sehen sind, die von vielen schönen Frauen umringt sind, umschwärmt werden. Ich habe recherchiert, von wem es solche inszenierten Bilder gibt. Immer waren es Autokraten oder Diktatoren – Putin, Trump, auch Mao Zedong. Es scheint diesen Männern sehr wichtig zu demonstrieren, dass sie von vielen Frauen angehimmelt zu werden. Ich habe solche Bilder gesammelt, sie gerahmt und daraus ein Objekt gebaut. Die Rahmen sind selbst auch eine Metapher: Sie zeigen, was für ein Bild sie von sich zeigen, wie sie sich präsentieren, wie sie gesehen werden wollen.
Und Du zeigst auch: Als Ganzes gesehen wirkt das Objekt eher erbärmlich.
ULRICH SCHWECKE: Ja, es ist erbärmlich. Es ist erschütternd, mit welchem Selbstverständnis diese Herren unterwegs sind. Ich brauchte mehrere Anläufe, bis ein stimmiges Objekt entstanden ist. Zwischendurch gab es die große Berichterstattung über Epstein, Prinz Andrew und all die anderen – und ich dachte, mein Objekt ist viel zu harmlos. Die Wirklichkeit ist viel extremer. Schließlich habe ich eine goldene Krone aus Pappe eingebaut – die sich die Herren wie Kinder mit einem Gummiband aufsetzen und den Korpus mit Stroh ausgestopft. Und am Ende habe ich auch das Genital vergoldet. Darum geht es letztendlich.
Das Interessante ist: Diese Männer waren einmal Hoffnungsträger, wollten Könige abschaffen – und sie landen am Ende selbst im Klischee des Königs.
ULRICH SCHWECKE: Genau. Mao Zedong war anfangs ein Revolutionär, der sicher für ein progressives Gesellschaftssystem stand. Hannah Arendt hat es so formuliert: »Der radikalste Revolutionär wird am Tag nach der Revolution ein Konservativer sein.«
Was hat dich diese intensive Auseinandersetzung mit dem Thema persönlich gekostet oder anders gefragt: Was hat sie Dir gegeben?
ULRICH SCHWECKE: Es hat mich zum einen ein Stückchen weiter mit meinen Eltern versöhnt und mir somit auch Flügel der Freiheit verliehen. – Zum anderen folgte ich dem Gedanken von Joseph Beuys: »Zeige deine Wunde.« Das ist die Voraussetzung dafür, dass wir als Menschen wirklich miteinander kommunizieren können. Wenn wir uns nur über Politik unterhalten, kommen wir uns menschlich nicht näher. Wenn wir aber auch über unsere Verletzungen sprechen, dann öffnen wir uns und dann entsteht die Möglichkeit einer tieferen menschlichen Verbindung.
Du hast zu Beginn unseres Gesprächs auch die aktuelle Weltlage als einen Anlass für Deine Arbeiten genannt.
ULRICH SCHWECKE: Ja, das stimmt. So wie wir augenblicklich mit schlechten bis katastrophalen Nachrichten überhäuft werden, ist das ja kaum zu vermeiden. Die Selbstverständlichkeit, mit der heute über einen neuen möglichen Krieg mit Russland gesprochen wird, macht mich fassungslos. Warum gibt es keine große Friedensbewegung gegen die Kriege in Nahost oder in der Ukraine. Wo ist die Idee einer Völkerverständigung und eines friedvollen Zusammenlebens geblieben? Das alles ist entsetzlich. Ich ertappe mich manchmal bei dem Gedanken: Ich muss hier weg! Also ich meine damit richtig wegziehen. Aber wohin? Wir sind der Situation offenbar ausgeliefert. Die künstlerische Arbeit hilft mir, mit meiner Angst umzugehen, meine Gedanken zu sortieren, zu differenzieren und zu gestalten.
Was erhoffst du dir von der Ausstellung?
ULRICH SCHWECKE: Ich möchte die Menschen berühren und zu einem offenen Dialog einladen. Ich erlebe bei Begegnungen mit Besucherinnen und Besuchern oft sehr tiefe Gespräche. Mir wird gespiegelt, dass meine Objekte eine Resonanz auslösen. Das ist eine Gelegenheit, sich auszutauschen, einen anderen Blick einzunehmen, andere Positionen zu erproben. Interessant ist auch, dass ich über die Kunst Themen ansprechen kann, über die sonst eine heftige Streiterei oder ein großes Schweigen ausbrechen würde. Das freut mich sehr.
Wenn meine Arbeit dazu einlädt, über diese Fragen nachzudenken – und vielleicht zu erkennen, dass auch in denen, die wir als Gegner sehen, etwas steckt, mit dem wir uns verbinden können – dann wäre sehr viel gewonnen. Das könnte uns allen helfen, das gesellschaftliche Klima ein wenig zu entgiften. Ich glaube nicht, dass es im Leben nur das eine Gute oder nur das eine Böse gibt. Wir tragen beides in uns. Das sehe ich auch bei den Protagonisten der Weltpolitik: Ich glaube nicht, dass die einen nur Bösewichte sind und die anderen nur Gerechte. Wir wurden alle mit Flügeln geboren.
Das willst Du auch mit Deiner Fotoinstallation zeigen?
ULRICH SCHWECKE: Ja, sie ist ein wichtiges Element in der Ausstellung. Ich habe Fotos von sehr unterschiedlichen Menschen gesammelt – Bekannten, Freunden, Prominenten – alle als Kleinkinder. Sie sehen alle süß aus. Und dann sind die einen Theologen, andere Kriegsverbrecher, andere Künstler oder Lehrer geworden. Es beschäftigt mich, warum Menschen so unterschiedliche Wege wählen. Im Buddhismus heißt es, dass jeder Mensch das Potenzial der Buddhaschaft in sich trägt. Stimmt das? Und wenn ja, was bedeutet es? Und setzt das Christentum mit dem Gebot der Feindesliebe nicht am gleichen Punkt an – dass alle Menschen einen Kern haben, der liebenswert ist?
Zu sehen ist Deine Ausstellung in der Bremer Stadtkirche Unser Lieben Frauen.
ULRICH SCHWECKE: Ja, das ist ein toller Ort. Manche sagen, Museen sind die neuen Kirchen. Und Kirchen werden zu Ausstellungsorten. Es sind Orte der Stille, der Meditation, der Nachdenklichkeit. Rumi sagt: Jenseits von richtig und falsch gibt es einen Ort, an dem wir uns begegnen. Wenn ich mit meiner Arbeit diesen Ort berühre, ist alles gesagt.
Aus: Publik-Forum Extra, Juni 2026
Das Gespräch führte Werner Eiermann.



















